NSU/Fiat Jagst Riviera Cabrio
In den sechziger Jahren hatte ich einen Jugendtraum: das für meine Begriffe sehr schön gelungene NSU/Fiat Jagst Riviera Cabriolet. Auf der Basis des Fiat Jagst 770 war damals ein exklusi-ver kleiner Sportwagen geschaffen worden, von Vignale in Turin mit einer schönen Karosserie versehen. Genaugenommen hat man auf die Bodengruppe des Fiat 600 eine Vignale-Karosserie als Coupe gesetzt, und beim Cabrio, unter Berücksichtigung von etlichen Verstärkungen, das Dach entfernt. Motorisiert wurde das Ganze durch den 770-ccm-Vierzylinder des Fiat Jagst, der mit seinen 25 PS das Fahrzeug auf knapp 120 km/h brachte. Wer schneller sein wollte, konnte dann noch die Abarth-Version wählen, die aber sehr selten war.
 
Damals war dieser Wagen für mich unerschwinglich, denn DM 672O,- für ein Neufahrzeug waren einfach nicht beschaffbar. Ende der siebziger Jahre versuchte ich dann, den Lebensweg eines in den Sechzigern existierenden Rivieras über diverse Zulassungsstellen Deutschlands zu verfolgen. Ergebnis: irgendwo im Jahre 1968 verschrottet worden. So ist es wohl der Mehrzahl der Rivieras ergangen, von denen nur rela-tiv wenige gebaut wurden. Meines Wissens ,,leben" derzeit noch drei Exemplare innerhalb Deutschlands. 
 
 
 
   Um so größer war meine Freude, als in der MARKT-Ausgabe vom Februar 1983 ein sol-ches Exemplar angeboten wurde. Ich nahm sofort telefonischen Kontakt mit dem Verkäufer auf, setzte mich spontan ins Auto und fuhr gen Norden, um den Wagen blind zu kaufen. 
Das Fahrzeug war optisch annehmbar. Eine Woche später, als ich den Wagen aus eigener Kraft 400 km gen Süden steuern wollte, stellte sich aber heraus: totaler Schrott! Die Heimfahrt wurde ein Abenteuer. Abgesehen davon, daß ich die Vorderbremsen mit Hammer und Meißel lösen mußte und die Zylinder wechselte (instinktiv hatte ich reichlich Zubehör dabei), brach in der Nahe der Heimat ein Kipphebel. Das alles erschütterte mich jedoch nicht, da ich die Probleme des alten Fiat 600 noch kannte und mir zu helfen wußte
 
 
Zu Hause angekommen, war eine erste Be-standsaufnahme fällig: Bodengruppe total durchgerostet - alle Kotflügel, die vorderen besonders, stark verrottet. Die Bodenträger waren o.k., also ausbaufähig. Und die Ersatzteilbeschaffung? Für die Mechanik gab es keine Probleme. Basis war ja der Fiat 600!770. Dasselbe galt auch für die Bodengruppe. 
Dann ging es an die Restauration, mechanische Teile wurden komplett gewechselt. Nicht nur Motor, Getriebe, Bremsen, Vorder-/Hinterach-se, sondern auch Lenkung, Achskörper, Stoßdämpfer, Federn etc. Das Hauptproblem lag in der Erneuerung der Karosserie. Teile gab es hierfür in Deutschland nicht mehr. Da die Seat 600 D jedoch noch in Spanien liefen, ging die Urlaubsplanung 1983 dorthin. Für einen Seat 600 bekam ich ohne Probleme die gesamte Bodengruppe innerhalb eines Tages! Sogar für die ursprünglichen Scheinwerfer, komplett mit Lampengehäuse, gab es Neuteile. Also wieder einmal ein Stück weitergekommen.
 
 
 
   Zurück in Deutschland, trat ich an meinen ,,Karosserieschneider" heran, der mir alles nach mühevoller und äußerst aufwendiger Arbeit komplett erneuerte. Das ,,Schätzchen" nahm langsam Formen an. Nach dem Schweißen und Komplettieren ging es an den Innenraum mit Nebenarbeiten, bis es lackfertig war. Die vielen Stunden bis dahin seien nicht aufgeführt. Dann kamen die Feinarbeiten für den TÜV. Im November ,84 (wieder waren Monate vergangen) kam die Vollabnahme. Das Auto wurde vorge-führt, wie aus dem Ei gepellt, alles klappte, der Prüfer lobte die äußerst solide Schweißarbeit und fragte nach der Werkstatt. Lediglich der Abgaswert war zu hoch und wurde vom Ingenieur eigenhändig korrigiert! 
Der Originalmotor mit den für die Versicherung ungünstigen 25 PS wurde gegen ein 23-PS-Exemplar getauscht. Damit erreicht der Riviera 114 km/h, bei einem Spritverbrauch von rund sechs Litern auf 100 km
Die Zulassung erfolgte ohne sonderliche Probleme, obwohl keine Unterlagen über das Fahrzeug mehr vorlagen und erst neu beschafft werden mußten. 
Seitdem fahre ich meinen Wunschtraum im Sommer mit dem größten ,,Jugendvergnügen", denn ich fühle mich in alte Zeiten versetzt. Vergessen sind auch die vielen Stunden und die hohen Restaurationskosten (denn DM 10.000,- 
 sind da schnell erreicht).  
   Wie heißt es doch so schön: ,,Beim Hobby hört die Vernunft auf!"
 

Bericht von Roland Beck

 
(Oldtimer-Prxis 6/90)
 
 

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